Die Ökologik des Hemdenkaufs

Kleider aus dem Warenhaus sind in der Regel nicht nur billig im Preis, sondern auch in der Qualität - und ökologisch bedenklich. Erfreuliche Ausnahme: ein Bio-Baumwollhemd, das fast perfekt ist.

2009 wird das Jahr der kostenbewussten und umsichtigen Kaufentscheidungen. Das Zeitalter des blindwütigen Konsums und des Markenwahns ist vorbei. Wir müssen wieder lernen, Gutes zu erkennen, ohne aufs Label zu schauen. Und weil im Januar der Gürtel noch etwas enger geschnallt werden muss, als er wegen der Rezession eh schon sitzt, sollte man für einmal dort einkaufen, wo der «Sophisticated Shopper» sonst nicht hingeht: in den Warenhäusern.
Das ist aber gar nicht so einfach, weil in den meisten Warenhäusern eine Mode hängt, die sich von jedem modischen Anspruch abgekoppelt und der blossen Bedarfsabdeckung auf niedrigstem Preis- und Qualitätsniveau verschrieben hat. Ausserdem muss man seine Ansprüche bezüglich Umwelt- oder Hautverträglichkeit der Textilien zu Hause lassen, denn was hier hängt, ist wahrlich stinkbillig - die Pestizide und Chemikalien wabern förmlich durch die Abteilungen.
Einen neuen Weg geht Coop. Mit der Naturaline-Kollektion aus Bio-Baumwolle setzt der Grossverteiler auf Nachhaltigkeit, Umwelt- und Sozialverträglichkeit und bietet ein gutes Gewissen zum vernünftigen Preis an. Wer sich die Naturaline-Kollektion genauer anschaut, wird allerdings feststellen, dass zwar der ideelle Ansatz stimmt, dafür das modische Wagnis auf der Strecke bleibt. Mehr als Basics sind leider nicht zu finden.
Meterhoch aus dem Bio-Unterholz ragt ein Kleidungsstück hervor: das hellblaue Royal-Oxford-Langarmhemd für Männer, gefertigt aus umweltverträglich angebauter und fair gehandelter Baumwolle aus Tansania und Indien. Hier stimmt alles: die klassische Allüre, die Verarbeitung, der subtile Glanz, den das Material dank verschiedenfarbigen Schuss- und Kettgarnen bekommt. Und natürlich der Preis: 59 Franken sind die Hälfte von dem, was Markenanbieter für ein Hemd von dieser Qualität verlangen.
Genäht wird das Hemd in Bulgarien. In der östlichsten Ecke von Europa können heute offenbar noch zu vernünftigen Preisen Hemden von guter Machart gefertigt werden. Die Nähte sind sauber verarbeitet, mit einem feinen Faden und einem kurzen Stich - comme il faut! Die Seiten- und Ärmelnähte sind mit einer robusten Kappnaht geschlossen worden, und auch die Armkugel ist ebenmässig mit einer breiten, verdeckten Naht ausgeführt. Der Kragen sitzt gut, die Manschetten liegen glatt, das doppelte Göller (Schulterteil) ist exakt geschnitten und, was bei Konfektion selten ist, aus zwei Teilen gefertigt. Das unterste Knopfloch ist horizontal genäht - perfekt.
Nur drei kleine Dinge fehlen zum grenzenlosen Bio-Budget-Glück: Erstens sollte der sportliche Button-down-Kragen nach klassischer Lehre auch im Nacken ein kleines Knöpfchen haben. Zweitens wäre ein kleines Stoffdreieck im Schnittpunkt von Saum und Seitennaht schön. Und drittens sollte man die völlig unnötigen Plastic-Kragenversteifungen weglassen, mit denen das Hemd verkauft wird. Die fünf Nadeln und das Baumwollbändchen genügen vollends.

Jeroen van Rooijen
© 2009 NZZ-Folio

Umsetzung: apload GmbH